Macau – Las Vegas des Ostens

Anne Dunkel am 24. Oktober 2009 um 22:50
Casino Lisboa in Macau (Foto: Anne Dunkel)

Casino Lisboa in Macau (Foto: Anne Dunkel)


Wie man beim Frühstück hört, hat es heute Nacht doch tatsächlich noch ein paar ganz Unerschrockene in eines der unzähligen Spielkasinos getrieben. Steffen, der das Orchester seit Beijing als freier Hörfunk-Journalist begleitet, hat beim Blackjack seinen Einsatz verdoppelt, aus 200 Macau-Dollars 400 gemacht und ist dann klugerweise als reicher Mann (Gewinn umgerechnet 20 Euro) um zwei Uhr früh zurück gekommen. Vor der Generalprobe und dem letzten Konzert bleiben heute ein paar Stunden, um Macau zu durchstreifen. In der Stadt am gegenüberliegenden Ufer von Hongkong hat die ehemalige Kolonialmacht Portugal bis heute ihre Spuren hinterlassen. Alleine in der Altstadt gibt es 60 christliche Kirchen.

Wer Fieber hat muss draußen bleiben

Schade, die Zeit reicht  einfach nicht für diese Stadt; Abfahrt in die Konzerthalle. Im Macau Cultural Center findet in diesen Tagen das Macau Musikfestival statt, zu dem auch das Konzert des German Radio Philharmonic Orchestra gehört, im Programmheft auch als „Orquestra Filarmónica da Rádio Alea “ angekündigt. Die Sicherheitschecks für Künstler und Publikum waren in allen Hallen dieser Tournee ausgesprochenen aufwändig. Macau ergänzt das Ritual um eine weitere Variante.  Hier wird vor Betreten des Konzertsaals doch tatsächlich auch noch die Körpertemperatur jedes Einzelnen gemessen. Wer Fieber hat muss draußen bleiben – wegen H1N1-Virus, Schweinegrippe. Die Gesundheit unserer Orchestermusiker und ihrer Entourage ist robust, alle dürfen rein.

Chefdirigent Christoph Poppen (Foto: Anne Dunkel)

Chefdirigent Christoph Poppen (Foto: Anne Dunkel)

 „Es hätte nicht besser laufen können“
Der Rahmen dieses Abschlusskonzerts könnte nicht schöner sein: Mozarts Haffner-Sinfonie, Brittens „Serenade“ und Beethovens Fünfte auf dem Programm, proppevoller, gut klingender Saal und ein überaus kundiges Publikum. Vielleicht das „europäischste“ auf dieser Reise. Kein Gemurmel, keine Zwischenklatscher, dafür heftiger, lang andauernder Schlussapplaus. Das allerletzte Stück – die 3. Zugabe! – widmet Chefdirigent Christoph Poppen dem Publikum: das Jasminblumenlied. Nicht anders als vor zehn Tagen im drei Flugstunden entfernten Beijing reagieren die Zuhörer sehr emotional. Dieses Publikum macht uns den Abschied aus dem Land des Lächelns so richtig schwer. Backstage bedanken sich Chefdirigent Christoph Poppen und Orchestermanager Benedikt Fohr bei den Musikern mit viel Lob für ihren Einsatz: „Es hätte nicht besser laufen können. Künstlerisch und organisatorisch.“ Und Warren Mok, Leiter des Macau-Festivals, ergänzt: „Das Publikum war begeistert. Sie haben es selbst gehört. “ Es wird noch spät in dieser Nacht und morgen liegt eine 26-stündige Reise vor uns, bevor wir dann am Montag, vermutlich nicht mehr ganz so frisch, vermelden: Ende der Dienstfahrt.

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Ausreise China – Einreise Macau

Anne Dunkel am 23. Oktober 2009 um 23:50
Unsere Tourmanagerin Barbara

Unsere Tourmanagerin Barbara (Foto: Anne Dunkel)

Mit welchen Anstrengungen das letzte Konzert, besser eigentlich die An- und Abreise zum letzten Konzert, verbunden sein wird, hatten wir im Vorfeld alle ein bisschen verdrängt: Zuerst der zweistündige Flug von Shanghai nach Zuhai, Ankunft mit fast zweistündiger Verspätung. Zusammen mit dem Bustransfer vom Hotel in Shanghai zum Flughafen macht das schon mal satte fünf Stunden. Dann ein erster Vorgeschmack darauf, was uns an Einreisekontrollen erwarten wird. Im holprigen, schlecht beleuchteten Bus nach Macau – Sonderwaltungsregion der Volksrepublik China – sind drei Einreise/-Ausreiseformulare auszufüllen. An der Grenze heißt es aussteigen und bepackt mit Koffern, Instrumenten und Grenzpapieren zu Fuß durch zwei riesige, von Menschenmassen überfüllte Hallen durch weitere Kontrollen über die Grenze zu gehen. Macht noch einmal zwei Stunden. Danach mit dem Bus ins Hotel. Ankunft kurz vor Mitternacht.

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Shanghai – „Wir bitten Sie…”

Anne Dunkel am 22. Oktober 2009 um 19:00
Trompeten verboten (Foto: Anne Dunkel)

Trompeten verboten (Foto: Anne Dunkel)

Das fängt heute ja gut an: Das German Radio Philharmonic Orchestra ist im Rahmen des 11. Shanghai International Arts Festival neben dem Gewandhausorchester Leipzig und dem Sydney Symphony Orchestra als Highlight angekündigt und schwächelt: Das erste Pult der Celli, Solo-Cellist Peter, hat Magen- und Kreislaufprobleme, in den 1. und 2. Geigen grassiert eine Erkältung und für Trompeter ist der Eintritt in die Konzerthalle verboten – steht auf einem Schild am Halleneingang.

Wie so oft lösen sich alle Problem von ganz alleine. Peter hat in der Reiseapotheke seines Kollegen doch noch ein wirksames Stärkungsmittel gefunden, der Hustenreiz der  erkrankten Geiger ist ruhig gestellt und das Hinweisschild haben wir einfach nur missverstanden. Durchgestrichene Trompete in roten Kreis bedeutet in der chinesischen Straßenverkehrsordnung „Hupen verboten!“. Wieder ist ein Konzert gerettet. Und was für eins. Ich behaupte, das Beste auf dieser Tour.

In einer intensiven Probe, besteht Christoph Poppen auf höchste Konzentration. Und der dramaturgische Höhepunkt des Abends muss ebenfalls vorbereitet sein: 100 Shanghaier Kinder eines Jugendorchesters kommen, um mit uns eine Überraschungs-Zugabe zu spielen. Die Musiker sind begeistert. Ein kleiner Sechsjähriger erobert mit seiner Trompete sofort alle Musikerherzen. Es gibt viel Gesprächsstoff, um sich die Zeit in Gebärdensprache bis zum Auftritt zu vertreiben.

Konzert in Shanhai (Foto: Anne Dunkel)

Konzert in Shanhai (Foto: Anne Dunkel)

Exakte Anweisungen fürs Publikum

Das Foyer und der Saal füllen sich nach und nach. Auch hier in Shanghai ist das Publikum sehr jung und nach Einschätzung des Hallenmanagements wohl auch unerfahren. Die zweisprachige Publikumsunterweisung in chinesisch und englisch erfolgt nicht wie in Suzhou während des Konzerts, sondern schon eine Viertelstunde davor über eine Lautsprecheranlage: „Wir bitten Sie, sich angemessen zu kleiden, während der Musik nicht zu sprechen, nicht zu essen, keinen Kaugummi zu kauen, nicht zu telefonieren, nicht zu fotografieren. Kindern ist der Zutritt in den Konzertsaal ab einem Meter Körpergröße gestattet, aber nur mit einem speziellen Ticket. Kindern ist es nicht gestattet, im Foyer zu hüpfen oder zu rennen …“ So geht es minutenlang weiter.

Musikmachen ist erlaubt, ja erwünscht. Christoph Poppen und sein Orchester sind an diesem Abend geniale Teamworker. Die Musik fließt, fesselt, fruchtet. Im Saal spürt man die Spannung, die Neugier, die Hingabe des Publikums an die Klangsprache von Haydn, Mozart, Stamitz und Beethoven. Xiao-Ming Han kann sein Hornkonzert in einem Heimspiel zelebrieren. Hier in Shanghai hat er selbst studiert; heute unterrichtet er eine der besten Hornklassen seines Landes und ist landesweit als Solist bekannt.

Das Publikum begrüßt ihn lautstark, lässt sich von seinem virtuosen Spiel faszinieren und feiert ihn auf der Bühne. Auch der chinesische Solist des Flötenkonzerts von Stamitz ist hier ein bekannter Künstler und hat seine Unterstützer-Fraktionen im Saal. Dann nach dem Schlussapplaus für Beethovens „Schicksalssinfonie“ betreten die jungen Überraschungsgäste das Podium und Christoph Poppen gibt den Einsatz für den Radetzky-Marsch. Das Stimmungsbarometer ist am Anschlag – da capo, noch ein Mal den Radetzky-Marsch und ein großer Konzertabend ist zu Ende.              

Und was ist eigentlich mit dem maßgeschneiderten Frack, unseren in Auftrag gegebenen Anzügen und Kleidern los? Klopfzeichen, Zimmerservice, die Kleider sind da. Johannes ist happy. Der Frack sitzt – stramm. Ziemlich stramm. Wenn man die Nähte vielleicht… Soll sich mal eine Schneiderin zuhause anschauen.

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Suzhou – Shanghai: Der Frack sitzt, hoffentlich

Anne Dunkel am 21. Oktober 2009 um 12:20
Violinist Johannes bei der Stoffauswahl in Shanghai (Foto: Anne Dunkel)

Violinist Johannes bei der Stoffauswahl in Shanghai (Foto: Anne Dunkel)

 Der Bustransfer von Suzhou nach Shanghai geht recht zügig. Sachkundig unterstützt von ein paar Kollegen, nutzt Johannes von den ersten Geigen die ersten Stunden nach Ankunft in Shanghai, um eine Maßschneiderei aufzusuchen. Ziel der Operation: ein neuer Frack vom 24-Stunden-Service, aber nicht aus Polyester, sondern ein Tuch aus Seide und Kaschmir soll es sein.

Die Wahl des Stoffes, das Verhandeln des Preises, die Vermessung der Gliedmaßen – ein einziges Abenteuer mit Ansteckungsgefahr. Jetzt haben auch wir, die begleitenden Berater, Mut gefasst. Kurz: Für unsere Shanghaier Maßschneiderei ist das Wort “Konjunkturkrise” seit heute ein Fremdwort: In Windeseile füllen ein Frack, sechs Maßanzüge und zwei Kleider im “traditional style” die Auftragsbücher. Lieferung morgen um 17.00 Uhr ins Hotel.

Auftragsbuch der Maßschneiderei in Shanghai (Foto: Anne Dunkel)

Auftragsbuch der Maßschneiderei in Shanghai (Foto: Anne Dunkel)

Wenn wir also morgen Abend nach längerer Probe und dem Konzert zurück ins Hotel kommen, werden wir die Haute Couture in Empfang nehmen und uns dem chinesischen Publikum fortan maßgeschneidert präsentieren. Die Konzertmeisterin bleibt da noch skeptisch. Sie will Ordnung in der Geigengruppe, duldet keine modischen Extravaganzen: “Johannes, ist der Stoff denn auch wirklich schwarz und fällt er schön?”,  erkundigt sie sich. Wir nicken alle ganz überzeugt. 70 Prozent Kaschmir, 30 Prozent Seide – oder war es umgekehrt? Wenn diese Aktion bloß keine Schnapsidee war…

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“Jetzt bitte schnell und laut klatschen!”

Anne Dunkel am 20. Oktober 2009 um 17:14
Buddha-Statue (Foto: Anne Dunkel)

Buddha-Statue (Foto: Anne Dunkel)

 Der 1000 Jahre alte Han-Shan-Tempel in der buddhistischen Klosteranlage “Auf dem kalten Berge” steht vor der futuristischen Skyline einer Übermorgen-Zeit:  So krass wie hier in Suzhou haben wir den Zusammenprall der alten mit der neuen Zeit bislang noch nicht erlebt. Hier betende Mönche, Buddhas, Pagodentürme, alte Gärten und dort die glitzernden, in den Himmel ragenden Statussymbole des Kapitalismus.

In den alten, von Kanälen durchzogenen Vierteln hat man das Gefühl mittendrin zu sein in China. Das ganze Leben scheint sich unter freiem Himmel in den Gassen abzuspielen. Hier hängt die Wäsche an den Fenstern, in winzigen, dunklen Nischen gibt es Fahrrad-Werkstätten, Gemüsestände, lebende Fische, Schlangen, Hühner und Enten, Seidenprodukte und CD-Verkäuferinnen im Schlafanzug. Frei übersetzt heißt es in einem alten chinesischen Sprichwort, Suzhou sei “das Himmelreich auf Erden” – und kein Musiker hat Grund, das zu bezweifeln. Das Suzhou Science and Cultural Arts Center ist jedenfalls vom Allerfeinsten. Gelegen im modernistischen “Übermorgen-Stadtteil” beherbergt es einen Konzertsaal mit ca. 1400 Plätzen und hat ein aufgeschlossenes, lernbegieriges Publikum.

Die Minuten vor dem Konzert (Foto: Anne Dunkel)

Die Minuten vor dem Konzert (Foto: Anne Dunkel)

Hintergrund-Murmeln, Zu-Spät-Kommende, Klatschen in den Satzpausen, ein Handyläuten hier, Blitzlicht-Attacken dort – am internationalen Standard wird noch gearbeitet. Vor Konzertbeginn tragen Saalordnerinnen Leuchttafeln mit dem Hinweis “Fotografieren verboten!” vor sich her. Auf  digitalen Anzeigetafeln rechts und links der Bühne werden Komponistennamen und Werktitel eingeblendet und Vergehen sofort geahndet. Klatscht jemand in den Satzpausen, so erscheint der unübersehbare Hinweis “Das Klatschen in den Satzpausen ist verboten”. Ist das Stück zu Ende, ist zu lesen: “Jetzt bitte schnell und laut klatschen”. Klare Ansagen, an die sich das junge Publikum hält.

Lag der Altersdurchschnitt in Beijing bei 35 bis 40 Jahren, so war das Publikum in Suzhou geschätzte fünf Jahre jünger, aber nicht weniger klassikbegeistert als in der Hauptstadt. 600 Yuan für die billigste Eintrittskarte (etwa 60 Euro), die teuerste für 1.280 Yuan (128 Euro!) – die muss man erst einmal haben. Am Ende des Haydn–Mozart–Beethovens–Programms bedankte sich der Chefdirigent mit zwei Zugaben: wieder das spätestens seit den olympischen Spielen in ganz China bekannte Volkslied “Jasminblume”, dann der 5. Ungarische Tanz von Johannes Brahms.

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Letzter Tag Peking

Anne Dunkel am 18. Oktober 2009 um 23:32
Bei der Probe (Foto: Anne Dunkel)

Bei der Probe (Foto: Anne Dunkel)

Probe für das zweite Peking-Konzert mit Mozarts „Haffner-Sinfonie“, Mendelssohns 3. Sinfonie, Beethovens Fünfter und der Serenade von Benjamin Britten mit den Solisten Xiao-Ming Han, Horn, und dem Tenor Warren Mok –auch künstlerischer Leiter des Macau-Festivals. In einer Woche wird er dort unser Gastgeber sein.

Der Konzertsaal im „Ei“- nennen wir die Halle doch so, wie es die Leute hier tun – ist mit einer anderen Produktion belegt. Wir weichen aus in einen Probesaal mit gnadenloser Akustik. Nicht die geringste Ungenauigkeit entgeht dem Ohr des Chefdirigenten. Applaus war gestern, jetzt ist erst einmal wieder harte Arbeit angesagt.

„Wir bestimmen die Qualität, nicht der Saal!“ – die Ansage von Christoph Poppen ist deutlich und zeigt ihre Wirkung. Konzentrierte Spannung im Probensaal. Heute Abend ist das Haus komplett  ausverkauft. Und viele Pressevertreter werden dabei sein. Von der Beijing Review bis zu China International Broadcast und – kein Scherz – der Saarbrücker Zeitung. Zwei Redakteurinnen verbinden ihren Urlaub mit einem kleinen Ausflug in den Arbeitsalltag. Das German Radio Philharmonic Orchestra will, es muss, gut spielen!

Das letzte Konzert in Peking (Foto: Anne Dunkel)

Das letzte Konzert in Peking (Foto: Anne Dunkel)

Zàijiàn Beijing – Tschüss Peking!
Mozart – nach hiesigen Maßstäben ungewohnte Ruhe im Saal, dann Britten – die beiden Solisten werden vom Publikum gefeiert, Mendelssohn am Schluss: Der Applaus ist überwältigend. Wie oft wird Christoph Poppen zurück auf die Bühne geklatscht?  Fünfmal? Sechsmal? Ohne Zugabe nimmt das kein Ende. Die Musiker legen Brahms’ Ungarischen Tanz Nr. 5 auf und die Zuhörer klatschen begeistert mit. In dieser Stimmung geht keiner weg. Beim „Jasminlied“ brandet der Beifall schon nach den ersten Klängen auf und erst mit der „Pizzicato-Polka“ wird das Orchester vom Hauptstadtpublikum entlassen.

Schade, immer wenn es am schönsten ist, muss man Abschied nehmen. Xièxie Beijing – Zàijiàn Beijing – Danke Peking, Tschüss Peking.

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Probe und erstes Konzert

Anne Dunkel am 17. Oktober 2009 um 23:26
Viel Technik für das Konzert (Foto: Anne Dunkel)

Viel Technik für das Konzert (Foto: Anne Dunkel)

Die Orchesterwarte haben bis in die Nacht hinein alle Vorbereitungen zur ersten Probe im National Center for the Performing Arts getroffen: Instrumente gecheckt, Bühneaufbau überwacht, Backstage-Bereich inspiziert. Mit drei Bussen fahren wir zu der nur wenige Gehminuten entfernten, von einem künstlichen See umgebenen  Konzerthalle. Die Ausmaße dieses Bauwerks aus kühlem Glas und Titan in der Form eines Hühnereis sind gewaltig. Drei Spielstätten beherbergt es: die Konzerthalle, eine Opernbühne und einen Saal für die traditionelle Pekingoper.

Auch die Sicherheitsvorkehrungen sind beeindruckend. Zutritt nur mit persönlichem Berechtigungsausweis durch ein weit verzweigtes Tunnelsystem direkt in den Bauch des Koloss. Umso größer ist dann der Aha-Effekt beim Betreten des Konzertsaals. Eine helle, wohltuend nüchterne Innenarchitektur in einem dezent-modernen Stil. Die Bühne füllt sich innerhalb weniger Minuten. Nach fast viertägiger Abstinenz – soviel Zeit liegt zwischen der letzten Probe im Großen Sendesaal auf dem Saarbrücker Halberg und der ersten Probe in Beijing – sucht jeder den Kontakt zu seinem Instrument. Zügig startet Chefdirigent Christoph Poppen die Probe, denn was alle interessiert ist die Saalakustik. Wie geschaffen ist sie für das Horn in Mozarts 4. Hornkonzert, das am Abend mit dem Solohornisten der Deutschen Radio Philharmonie, Xiao-Ming Han, auf dem Programm steht.

Das erste Konzert (Foto: Anne Dunkel)

Das erste Konzert (Foto: Anne Dunkel)

Auftaktkonzert in Beijing
Es ist ein „ereignisreiches Konzert“ geworden – so jedenfalls die Einschätzung des Trompeters. Die 1.700 Plätze sind fast alle besetzt, Christoph Poppen und das German Radio Philharmonic Orchestra werden mit großer Freundlichkeit im Saal empfangen, beharrlich jeder Satz einzeln beklatscht. Nach Haydns Sinfonie Nr. 104 ein erster Höhepunkt: Wie nicht anders zu erwarten, das Hornkonzert mit Xiao-Ming Han. In China gehört er zur allerersten Solistengarde, außerdem ist seine Hornklasse am Shanghaier Konservatorium eine Talentschmiede. Einige seiner Studenten waren schon in der Probe  dabei und auch jetzt am Abend sind seine Fanbereiche im Saal akustisch  auszumachen.

Nach der Pause dann Beethovens Fünfte. Schon gleich am Anfang hatte man das Gefühl, dass das Licht etwas schwächelte. Mitten im zweiten Satz dann die Gewissheit: Die komplette Lichttechnik des Saals bricht zusammen. Mit einem Schlag wird es stockdunkel. Wie beim Untergang der Titanic spielt das Orchester – ein Wunder! – scheinbar unbeeindruckt weiter bis zur nächsten Zäsur. Nur ein paar Augenblicke später erhellt sich der Saal wieder, was mit großem Applaus quittiert wird und weiter geht es im Takt.

Der gewaltige Schlussapplaus erfordert drei Zugaben, darunter auch die neue heimliche Nationalhymne der Chinesen: „Jasminblume“, das von einem kleinen Mädchen gesungene chinesische Volkslied aus der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Beijing 2008.

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Carpe Diem

Anne Dunkel am 16. Oktober 2009 um 19:15
Unterwegs auf der Großen Mauer (Foto: Anne Dunkel)

Unterwegs auf der Großen Mauer (Foto: Anne Dunkel)

Die Orchester-Tournee beginnt mit einen freien Tag. Da wir nun gerade in Beijing sind – carpe diem: Aufstehen um Sechs, Frühstück um Sieben, Ausflug zur Großen Mauer um Acht, durch die Pekinger Rushhour quälen bis Neun und Ankommen an der Großen Mauer um Zehn. Viel Zeit für unseren deutschsprachigen Führer, uns über Zahlen, Daten, Fakten und die kleinen Eigenheiten seiner Landsleute zu informieren.

Dass ältere Chinesen noch heute gerne am Abend im Schlafanzug spazieren gehen, hatten wir schon am Vorabend beobachtet, auch das Spucken auf die Straße war mir aufgefallen. Von der „Oma und Opa-Polizei“ hatte ich allerdings noch nie gehört: Rentner, die „sowie den ganzen Tag nichts machen und nur auf der Straße stehen und quatschen“ (Originalton des Reiseleiters), übernehmen gerne gegen eine klitzekleine Zusatzrente die Aufgabe, ihre Mitbürger bei Verkehrsverstößen zu „kritisieren“. Nicht einmal Ordnungsstrafen dürfen sie verhängen, alleine das „kritisieren“ soll schon Wirkung seine zeigen.

Die Große Mauer (Foto: Anne Dunkel)

Die Große Mauer (Foto: Anne Dunkel)

Die große Mauer

In Badaling erreicht die Mauer mit 800 m ihren höchsten Punkt, zwischen Beijing und Badaling liegen 760 Höhenmeter. Es ist herrscht ein Riesengedränge. „Wer noch nie an der Mauer war, ist kein Mensch“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Es ist empfindlich kalt hier oben. Aber Souvenirverkäufer haben mit Kaputzenshirts (Aufdruck: „I have climbed up the Great Wall“ in englisch und chinesisch) und mongolisch inspiriertem Kopfschmuck für die empfindlichen Musikerohren der Deutschen Radio Philharmonie vorgesorgt. Und kommen ordentlich auf ihre Kosten. Der Aufstieg ist anstrengend, wird aber bei jedem neuen Stopp mit einer noch grandioseren Aussicht auf den Mauerverlauf und die spektakuläre Landschaft belohnt.

Auf der Rückfahrt im Bus wandern die Gedanken langsam in Richtung erste Probe, erstes Konzert: Ob die Instrumente in ihren 36 Kisten wohlbehalten ankommen, wird sich erst kurz vor Mitternacht herausstellen, wenn sie von den beiden Orchesterwarten in der Konzerthalle in Empfang genommen werden. Vor allem die Cellisten und Bassisten machen sich so ihre Gedanken, denn sie halten ihr Instrument erst morgen, unmittelbar vor der ersten Probe wieder in der Hand. Einspielen, ein bisschen üben können Sie nicht. So setzt halt jeder seine eigenen Vorbereitungsmethoden ein: Bällchen in der linken Hand kneten, Finger massieren, Finger-Gymnastik, mentales Training und/oder Schlaf. Diejenigen, die ihr Instrument im Handgepäck mitnehmen konnten, haben es da besser. In meinem Hotel-Stockwerk wohnen mindestens eine Geige, eine Oboe und ein Horn – wie ich gegen Abend hören darf.

Ach ja, bevor ich es vergesse, noch etwas haben wir von unserem Reiseleiter gelernt: Sucht man eine Toilette und könnte man chinesisch, so sollte man nach der „Halle der Harmonie“ oder der „Harmoniehalle“ fragen.

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Ankunft in Peking

Anne Dunkel am 15. Oktober 2009 um 22:40
Blick auf Peking (Foto: Anne Dunkel)

Blick auf Peking (Foto: Anne Dunkel)

Nach zehn Stunden Flug Ankunft an der ersten Station und nördlichsten Station der Reise: Peking, Hauptstadt der Volksrepublik China, 12 Millionen Einwohner (ohne Wanderarbeiter), Jahrhunderte lang der Mittelpunkt des chinesischen Kaiserreichs, Olympiastadt, Breitengrad wie Madrid. Letzteres treibt uns schon beim Verlassen des Flugzeugs die Schweißperlen auf die Stirn.

Es ist ein schöner, nur leicht diesiger Tag in Beijing, wie wir korrekterweise sagen wollen. Der 82-köpfige Tourneetross ist unausgeschlafen, aber vollzählig angekommen. Was auf die Koffer nicht ganz zutrifft. Einer fehlt und der Grund steht schnell fest, als ein einsamer Koffer, für den sich niemand zu interessieren scheint, unverdrossen auf dem Gepäckband rotiert: Da hat jemand einen falschen Koffer mitgenommen. Der betroffene Kollege nimmt es mit Humor und irgendwie kommt alles am gleichen Tag noch zu einem glücklichen Ende.

… mit Staunen
Die ersten Eindrücke auf der knapp einstündigen Busfahrt zu unserem Hotel ins Zentrum sind noch konfus. „Sieht ja aus wie in Abu Dhabi“ stellen zwei Musiker verdutzt in Erinnerung an das Gastspiel im Februar 2009 in den Emiraten fest. Die haben Recht, denke ich. Breite Highways, rechts und links der Straße modernste Hochhausarchitektur, viel Beton getaucht in diesige Luft. Die Schöpfer dieser Wunderwerke – Koryphäen wie Norman Foster oder Paul Andreu – arbeiten weltweit, schaffen das globalisierte Stadtbild.

Unterwegs in Peking (Foto: Anne Dunkel)

Unterwegs in Peking (Foto: Anne Dunkel)

Wo Peking noch Peking ist
So war das Bedürfnis groß, die letzten Stunden dieses Reisetags doch noch dorthin zu gehen, wo Peking Peking ist: an den Platz des Himmlischen Friedens, den Tian’anmen Platz, Raum für Kundgebungen und Massenaufmärsche wie zuletzt vor einigen Tagen am 1. Oktober zum 60. Bestehen der Volksrepublik. Fotopause mit „Mao-Bibel“ am Denkmal für die Helden des Volkes. In unseren Köpfen gehen unzählige Fernsehbilder durcheinander.

Von der großen Jahresfeier sind lebende und papiererne Blumendekorationen unvorstellbaren Ausmaßes zurückgeblieben, riesenhafte LED-Wände, die Ausschnitte der Feierlichkeiten in Endlosschleifen abspielen, und andere Dekorationsteile. In dieser Kulisse machen wir erste Bekanntschaften mit Chinesen: Touristen, die sich zu uns zum Fotoshooting gesellen, Studenten der Beijing Art School, denen wir, mittlerweile total übermüdet und mitten im Jetlag, Kalligrafien abkaufen, ohne es eigentlich zu wollen, Fahrradtaxi-Chauffeure, die uns beharrlich durch die chaotischen Prachtstraßen der Hauptstadt kutschieren wollen, Taxifahrer und Restaurantbesitzer, die uns das zerhackte Knochengerüst tranchierter Peking-Enten als Spezialität servieren.

Das war ein langer,  ein sehr langer Tag. Jetzt erst einmal ins Bett…

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Abschied mit Glückskeks

Anne Dunkel am 14. Oktober 2009 um 10:09
Glückskeks zum Start der Tournee (Foto: Anne Dunkel)

Glückskeks zum Start der Tournee (Foto: Anne Dunkel)

Große Abschiedszeremonie mit Glückkeksen – das Orchesterbüro verabschiedet „sein“ Orchester: So feierlich und politisch korrekt geschieht das selten. Oder seien wir ehrlich: bislang noch nie! Aber schließlich stehen auch Tourneen dieses Formats nicht in jedem Quartal an: Zwölf Tage China mit Konzerten in Peking, Suzhou, Shanghai und Macau und jetzt schon alles ausverkauft. 

Die Glückskekse waren schon eine famose Idee. Bis nach Frankfurt Airport lieferten die eingebackenen Sinnsprüche Gesprächsstoff: „Hören Sie nicht auf weiter zu machen. Sonst werden Sie unglücklich“ oder „Sie sind der strahlende Mittelpunkt“ oder „Sie werden viele neue Erfahrungen machen“. In zweieinhalb Stunden Busfahrt drängen sich zu diesen Prophezeiungen so manche Gedanken auf…

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